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letzte Aktualisierung: 20.02.2010
Der Naturwald
Die Entwicklung eines Naturwaldes weicht in einigen Bereichen
von der eines Wirtschaftswaldes ab. Der Artikel beschreibt etwas
vereinfachend die verschiedenen Entwicklungsphasen, die ein ohne
Beeinflussung durch den wirtschaftenden Menschen wachsender Wald,
durchlaufen würde.
Die Katastrophe
Beginnen wir mit einem Katastrophenszenario. Ein Waldbrand oder
Sturm hat den alten Baumbestand hinweggefegt. Im Unterstand befand
sich keine nennenswerte Verjüngung. Eine solche Situation
entspricht zwar nicht ganz einem forstwirtschaftlichen Kahlschlag,
doch auch in diesem Szenario gibt es nun kein schützendes
Kronendach mehr. Das Mikado aus toten Bäumen oder die
verbrannte Erde unterscheidet die Katastrophenfläche
kleinstandörtlich weiterhin von einer forstlichen
Kahlschlagfläche.
Die Verjüngungsphase
Was wird passieren? Zunächst werden sich Pionierbaumarten
ansiedeln. Die Schnelligkeit der Besiedlung hängt von der
vorherigen Situation des gefallenen Waldes ab. Ist der Boden
vegetationsfrei, dann kann sich sehr schnell eine Verjüngung
einstellen, ist sie aber vergrast, weil vielleicht der Altbestand
schon etwas licht geworden war und sich Gras ansiedeln konnte, dann
kann es deutlich länger dauern bis die Verjüngung
Fuß fassen kann.
Baumarten, die über einen Samen verfügen, der sich leicht
und schnell ausbreiten kann - wie beispielsweise Birke, Aspe oder
Kiefer - werden die ersten sein. Ihre leichten Samen verleihen
ihnen eine hohe Wandergeschwindigkeit. Sie besiedeln schnell
Flächen, und sie wachsen schnell. Lichthungrig schieben sie
sich gegenseitig nach oben. Schon nach wenigen Jahren haben sie das
Anfangswaldstadium erreicht. Ein- und gleichförmig sind sie
hochgewachsen, das Kronendach schließt sich.
Die oben genannten Pionierbaumarten haben noch einen weiteren
Vorteil: Sie kommen gut mit den Verhältnissen der
Kahlfläche zurecht. Die Standortverhältnisse eines
Kahlschlags sind hart. Ähnlich die einer
großflächigen Katastrophenfläche. Durch die
vermehrte Sonneneinstrahlung kommt es tagsüber zu hohen
Temperaturen. Nachts kühlt es dagegen stark aus. Das
Kronendach eines Bestandes wirkt wie eine Decke. Die vom Boden
abgegebene Wärme wird reflektiert, deswegen ist es nachts in
einem Wald nie so kalt wie auf freiem Feld. Doch das
schützende Bestandesdach exisitiert nicht mehr. Die starken
Temperaturschwankungen setzen den Pflanzen zu. Frost insbesondere
auch Spätfrost kommt länger, stärker und öfter
vor.
Die hohen Temperaturen führen zum schnelleren verdunsten der
Niederschläge. Die Niederschläge, die auf den
ungeschützten Boden treffen verschlemmen ihn. Wasser
fließt oberflächig ab, nicht alles kann aufgenommen
werden.
Sollte die ein oder andere junge Buche auf dieser Fläche
vorhanden gewesen sein, so wird sie wahrscheinlich nicht
überleben. Buchenverjüngung braucht den Bestandesschutz,
die Kahlfläche ist nicht ihr Metier, dazu reagiert sie zu
empfindlich auf Klimaextreme.
Licht allerdings ist im Überfluß vorhanden. Schnell
wachsende Bäume sind den langsam wachsenden
überlegen.
Das Vorwald-Stadium
Nachdem ein gewisser Kronenschluß durch die jugendlichen
Bäume erfolgt ist, ändern sich die
Standortverhältnisse. Das Vorwaldstadium ist
geprägt durch geringeres Lichtangebot im Unterstand und einem
ausgeglichenerem Bestandesklima. Die Pionierbaumarten sind nun
wichtiger Vorteile beraubt. Andere Baumarten können
einwandern. Baumarten deren Wanderungsgeschwindigkeit geringer ist,
die beispielsweise nicht durch den Wind sondern durch Tierarten
verbreitet werden. Gern genommenes Beispiel für diesen
Zusammenhang ist die sogenannte Hähersaat. Eichelhäher
sammeln Eicheln, verlieren sie und dort wo eine Eichel landet,
entwickelt sich vielleicht eineEiche.
Eichen sind ebenfalls Lichtbaumarten und bekanntermaßen
wachsen sie alles andere als schnell – sie haben dafür
einen anderen Vorteil, der ihnen auf lange Sicht erlaubt, sich
gegen Pionierbaumarten durchzusetzen: Im Vergleich zu ihnen leben
sie quasi ewig. Wenn eine Birke alt wird, ist eine Eiche noch ein
junger Hüpfer. Sie kann noch Jahrhunderte Samen produzieren,
die dann vom Eichelhäher oder dem Eichhörnchen in der
Umgebung verteilt werden. So kann eine Birke ein Alter von
vielleicht 100 Jahren erreichen, eine Eiche wird spielend
älter als 400 Jahre.
Je nach Standortverhältnissen können natürlich auch
andere Baumarten einwandern. Schattenertragende Bäume wie
Buche oder Tanne haben die besten Voraussetzungen lange im
Wartestand zu stehen bis ein fallender, sie beschattender Baum, den
Platz an der Sonne frei räumt.
Schlußwaldphase
Über einen sehr langen Zeitraum wird die
Schlußwaldphase erreicht. Auch im Naturwald kann das zu
einheitlichen Beständen führen, die einem forstlichen
Altersklassenwald ähneln. Nehmen wir als Beispiel einen
Buchenwald.
Im Bereich ihres optimalen Standortes bildet die Buche im Laufe der
Zeit einen immer einheitlicheren, nur aus weiteren Buchen
bestehenden Bestand. Die Buche wird in zunehmend alles
verdrängen, was ursprünglich im Anfangs- oder
Übergangsstadium an anderen Baumarten noch mit ihr gewachsen
ist. Wer im Sommer die schattige Kühle eines Buchenwaldes
genossen hat, dem fällt schnell auf, das es nicht nur schattig
kühl sondern auch schattig dunkel ist. In einem solchen Wald
ist außer braunem Laub am Boden kaum eine andere Pflanze, sei
es Kraut, Strauch oder junger hoffnungsfroher Baum zu finden.
In der Regel handelt es sich um eine sehr stabile Phase. Über
lange Zeit wird sich daran nichts ändern. Die Bäume
wachsen, gelegentlich fällt einer um, die daraus entstehende
Lücke ist nicht besonders groß. Vielleicht wird ein bis
dahin im Unterstand wartendes Bäumchen seine Chance nutzen und
in die Lücke wachsen. Die Buche ist aber auch eine
ausgesprochen plastische Baumart, selbst im hohen Alter ist ihre
Krone noch fähig zu reagieren. Die entstandene Lücke wird
bald von dem nach oben schießenden jungen Baum und von den
seitwärts in die Lücke wachsenden Kronen des Altbestandes
geschlossen werden. Nach einigen Jahren ist das Lichtangebot am
Boden wieder äußerst dürftig. Sollte sich auch eine
Lichtbaumart angesiedelt haben, so wird sie nun von der Buche
verdrängt - anders gesagt: sie verkümmert wegen
Lichtmangel.
Der Bestand befindet sich in einem Gleichgewicht. Theoretisch kann
diese Phase sehr lange dauern.
Alterungsphase
Doch irgendwann tritt die Alterungsphase ein.
Eine große Anzahl Individuen überschreiten ihr Maximum.
Wachstum und Vitalität lassen nach. Sie werden anfällig
gegen organische Schädlinge.
Insekten setzen ihnen zu, fressen das Laub, dringen in die Rinde
ein und bohren sich ins Holz. Was der junge Baum noch weggesteckt
hat, wird nun zunehmend zur Belastung. Die Abwehrkräfte des
Baumes schwinden. Ihre Kronen beinhalten immer mehr tote Äste,
Pilze beginnen deren Holz abzubauen und dringen in den noch
gesunden Stamm ein. Dort verursachen sie Holzfäule. Pilze wie
der Hallimasch schädigen den Baum direkt, andere wie der
Zunderschwamm bauen "nur" sein Holz ab. Dem Baum wird seine
Substanz genommen. Er verliert zunehmend seine statische
Stabilität. Irgendwann erfolgt der Bruch, der Baum
fällt.
Das einheitliche Kronendach lockert sich auf, besser gesagt es raut
sich auf. Bevor ein junger Baum die Lücke füllen kann,
fällt bereits wieder ein alter. Das Kronendach raut weiter
auf.
In diesem Szenario kann ein Naturwald zwei Wege gehen. Entweder er
geht über in eine Plenterphase, es fallen
immer wieder alte Bäume aus, doch junge wachsen nach. Sie
können den Kronenschluß zwar noch nicht
wiederherstellen, bilden aber Verjüngungstrupps. Der
Gesamtbestand löst sich - wieder über einen langen
Zeitraum - auf. Mosaikartig wechseln nun mehr oder weniger
große Flächen mit Bäumen unterschiedlichsten
Alters.
Der Bestand kann aber auch in eine Zerfallsphase
übergehen. Im geschlossenen Bestand schützen sich die
Bäume gegenseitig. Dem Wind wird wenig Angriffsfläche
geboten. Mit jedem gefallenen Baum raut das Kronendach auf. Das
raue Kronendach bietet dem Wind beste Angriffsfläche –
ein heftiger Sturm kann weitere Bäume werfen. Mit jedem
geworfenen Baum geht der Bestandesschutz perdu. Schauen Sie sich
Bäume in der freien Landschaft an: Stämmig mit
großem Durchmesser und tiefem Kronenansatz stehen sie da.
Kein anderer Baum schützt sie, sie trotzen dem Wind ganz auf
sich allein gestellt. Anders ist die Baumform im Wald:
hochgewachsene, eher schlanke Individuen mit hohem Kronenansatz. Im
Kampf um das Licht mussten sie sich immer weiter nach oben recken.
Der Konkurrent von nebenan bot aber gleichzeitig Schutz. Fällt
er, ist der verbleibende Baum dem Wind stärker ausgesetzt,
fällt der nächste Nachbar und der übernächste,
dann kann sich ein Dominoeffekt breit machen.
Neben dem Wind können natürlich auch Insekten große
Flächen zum absterben bringen, die dann in der Folge vom Wind
geworfen werden. Kalamitäten wie der Borkenkäferbefall
auf dem Lusen im Bayrischen Wald sind im Naturwald ebenfalls
denkbar. Nach einer solchen Katastrophe geht der Wald wieder in die
Verjüngungsphase über.
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